Unser 'laufender' Berichterstatter Rainer Beckers beschreibt uns seine Teilnahme am 24. Nordseelauf 2026

Wir Läufer sind doch ein schwieriges Klientel. Die unerfüllbare Sehnsucht nach Perfektion macht uns schon vor der Startlinie zu nörgelnden Subjekten. Zu viel Wind, zu wenig Wind oder schlicht der falsche Wind; Regen bremst, Wärme selbstverständlich auch. Höhenmeter sind eine Zumutung, und wenn es keine gibt, findet sich irgendwo eine Brücke oder im Weltnaturerbe Wattenmeer eine Düne, über die man sich beklagen kann. Natürlich gilt es außerdem, das schmerzende Knie, die zwickende Wade und das unerklärliche Muskelzucken zu erwähnen, das sicher nichts Gutes verheißt, aber erstaunlicherweise im Ziel nach den Strapazen verschwunden ist.

Diesen Typus des ewigen Nörglers nennt man in Ostfriesland den „Jöselmoors“. Um ihn maximal herauszufordern, startete ich beim 24. Nordseelauf. Der bietet mit seinen sieben Etappen über die ostfriesischen Inseln ideale Voraussetzungen für den Jöselmoors. Schließlich ist das ostfriesische Wetter unberechenbar, die sich abzeichnende Kurve der Erschöpfung liefert ein großzügiges Angebot an physiologischer Angriffsfläche, und die logistischen Herausforderungen für den Veranstalter sind beachtlich.

Wie also würde die Sache ausgehen? Würde der Jöselmoors triumphieren und zahlreiche Gründe für Beanstandungen finden? Ganz abgesehen davon, wie würde ich selbst die läuferischen Strapazen bewältigen?

Stolperfalle Logistik

Das Tor zum Inselparadies bilden bekanntlich die Fähren, die freundlicherweise vom Veranstalter exklusiv für die Läuferinnen und Läufer reserviert werden. Das entspannt ungemein. Denn wer schon einmal versucht hat, eine größere Gruppe nervös vor sich hin dehnender Menschen mit Startnummern, Laufrucksäcken und sehr konkreten Vorstellungen über den richtigen Zeitpunkt des Toilettengangs planvoll auf eine reguläre Fähre zu bringen, weiß: Logistik ist im Laufsport eine eigene Disziplin.

Klar, bei einer Abfahrt meist gegen 7.30 Uhr muss man früh aus den Federn. Das ist für den Jöselmoors zunächst ein durchaus tragfähiger Beschwerdeanlass. Andererseits wird man mit einer wunderbaren Lichtstimmung, dem Blick auf Seehundbänke und der freundlichen Begrüßung durch Mitlaufende und Orgateam entschädigt. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass im eigentlich flachen Wattenmeer stets für Tiefgang gesorgt wird. Der Ursprungsgedanke des Laufs stammt nämlich von der Initiative Kirche im Tourismus, und noch heute ist die Kirche Kooperationspartnerin. Auf jeder Überfahrt gibt es deshalb eine kurze Wortreise der begleitenden Pastorin Antje. Für einen Moment werden die Gedanken dadurch von allen Aufgeregtheiten um Pace, Puls, Wetter-App und Startlinie weggeführt und auf das Veranstaltungsmotto gelenkt: „Mach nicht halt – lauf gegen Gewalt“.

Die Mitläufer

Unter den ca. 600 Teilnehmern sind Menschen, die in 50 Leitz-Ordnern ihre über 1.000 Volksläufe dokumentiert haben, prall gefüllt mit Urkunden, Startnummern und anderen Erinnerungen. Menschen, die sich auch dann noch Medaillen organisieren, wenn es offiziell gar keine gibt — notfalls aus dem Fundus der Bambini-Läufe, damit das Glück vollständig ist. Andere schlafen vor der Fähre im Kleinstwagen, als sei Minimalismus nicht nur eine Wohnform, sondern eine Trainingsmethode. Wieder andere sammeln Hunderte Wanderstempel, selbstverständlich inklusive magnetischer Sticker und Pflichtpostkarte von jedem besuchten Ort.

Auch ein ehemaliger Olympiateilnehmer aus der fernen Schweiz gehörte zu den fleißigen Anekdotenerzählern und Rekordteilnehmern. Vor allem aber hilft man sich. Man spendet Windschatten und Zuspruch, wenn die Sonne die letzten Kraftreserven zum Schmelzen bringt. Man spendet, was gerade fehlt, von Duschgel bis zur moralischen Unterstützung. Und manchmal entsteht aus einer zufälligen Begegnung vor der Fähre, am Start oder auf den letzten Metern eine spontane Begleitung, generationenübergreifend und völlig unkompliziert. Am Ende läuft zwar jeder für sich, aber kaum jemand bleibt allein.

Der Unterhaltungsfaktor als Angriffspunkt

Zwischen Start, Ziel und Fährabfahrt entstand eine eigene kleine Inselökonomie der Erholung. Man musste sich irgendwo ausruhen, Tee trinken, Eis essen, die Beine dehnen, Schatten suchen oder einfach so tun, als habe man einen Plan. Doch auch dabei blieb man nie allein. Irgendwo saß immer jemand mit Startnummer, Laufschuhen oder derselben Mischung aus Müdigkeit und Zufriedenheit. So wurde aus der Wartezeit kein Leerlauf, sondern ein weiterer Teil des Nordseelaufs: reden, lachen, regenerieren, schweigen, wieder losziehen.

Die ganze Sache wurde dabei nicht nur vom sehr aufmerksamen Orgateam begleitet, sondern auch von einem Moderator, der verschiedene unterhaltende Episoden und Rituale lauthals initiierte. Eine feste Nummer war vor jedem Start das schunkelnd intonierte Lied: „Aaaan der Noooooordseeeeküste, am plattdeutschen Strand“. Auch ein Maskottchen wurde regelmäßig – erfolgreich - beschworen: „Wir wollen den Eisbären sehen“. Natürlich gab es nach jedem Lauf auch eine Siegerehrung mit Mini-Tombola. Unterm Strich war dann meist schon bald wieder Zeit, die Rückreise anzutreten.

Streckenplanung

Für den Jöselmoors bot auch die Streckenplanung reichlich Angriffsfläche. Die Strecken führten zwar durch kleine, verträumte Sträßchen, aber stets über reichlich Stolperfallen oder gleich kilometerweit direkt am Strand entlang. Gerne wurden die Wege im Auf und Ab der Dünen mit rutschigem Stroh garniert, und Kaninchenlöcher gehörten ebenfalls zum Angebot. Selbstverständlich gab es nur „krumme“ Distanzen zwischen etwa sieben und zehn Kilometern. Wieder keine persönliche Bestzeit für den Jöselmoors, aber im Finale aller Etappen die persönliche Gewissheit, dass ich mich nach einem ziemlich fürchterlichen Auftakt auf Borkum gut geschlagen hatte. So weit so gut. Aber was bleibt?

Das Fazit

Zur Abschlussveranstaltung im schattigen Park von Spiekeroog wurden alle Siegerinnen und Sieger geehrt, und aus den Boxen dröhnte „The Winner Takes It All“. Zu Recht, denn durch den Nordseelauf haben wir mitgenommen, wie wunderbar es sein kann, einfach nicht haltzumachen und dabei ein gemeinsames Ziel zu haben: Keine Chance für den Jöselmoors.

Alle weiteren Infos und Ergebnisse unter: www.nordseelauf.com

Nordseelauf 2026 2

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