Fragen begleiten uns Läufer im wahrsten Sinne des Wortes auf Schritt und Tritt.
So fragen wir uns etwa, wie man einen Berg kraftsparend erklimmt und wo genau dieser tatsächlich bezwungen ist, ob Carbon-Laufschuhe die Knie schädigen oder ob Schokolade als Carboloading den Nudeln überlegen ist. Nun ja, diese Fragen spiegeln unseren oberflächlichen, läuferischen Alltag. Irgendwann haben wir uns aber auch die Frage nach dem echten „Warum“ für all die läuferischen Mühen gestellt und fanden gar nicht selten Antworten in den Zeiten und den Zeichen des persönlichen Umbruchs. Es kann also offensichtlich lohnend sein, in die Tiefe zu gehen. Umso schöner, dass sich für mich spontan (herzlicher Dank an Jutta!) mit dem 18. Kristallmarathon im Erlebnisbergwerk Merkers bei Bad Salzungen eine neue Möglichkeit ergab, tiefergehend Antworten zu finden. Der Weg zur Erkenntnis führt in diesem Fall zunächst über einen schummrigen Förderkorb, in dem man dicht gedrängt 500 Meter tief in die Erdkruste vorstößt, um anschließend durch die Dunkelheit auf einer offenen Pritsche eines Lastwagens zum tiefsten Konzertsaal Europas gebracht zu werden. Ein ehemaliger Großbunker, der für die Lagerung von bis zu 50.000 Tonnen Rohsalz gedacht war. Er ist der Startpunkt für den 3,3 km langen Rundkurs durch die gedrungenen Stollen des ehemaligen Salzbergwerks.
Nach der stimmungsvollen Lasershow zur Bergmannshymne „Der Steiger kommt“, standen rund 650 Läuferinnen und Läufer mit Helm und Stirnlampe ausgerüstet, am Start.

Als Halbmarathoni hatte ich jetzt in sieben vor mir liegenden Runden die Gelegenheit, mich mit meinen Fragen zu beschäftigen, während unser Laufkollege und versierter Ultraläufer Michael Klasmeier als Marathoni 13 Runden beanspruchen durfte. Die Strecke selbst bietet auf jeden Fall ideale Voraussetzungen dafür, von jeder kurzweiligen Ablenkung verschont zu bleiben und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dazu trägt schon der Umstand bei, dass man unter Tage per Handy unerreichbar ist und somit sogar die sozialen Netzwerke endlich eine Pause haben. Das „Landschaftsbild“ und die Streckenbeschaffenheit sind wenig geeignet, um gedanklich abzuschweifen.
Unter den Füßen ist es felsig grau, links und rechts sowieso und voraus blickt man auf eine in fahles Licht getränkte Kulisse. Der Untergrund verlangt höchste Konzentration. Er ist einerseits tückisch glatt, vor allem wenn es steil bergab geht und weist andererseits kaum erkennbare Löcher und Kanten auf. Rutschgefahr besteht überdies durch den fein sandigen Abraum, der an vielen Stellen anzutreffen ist. So kämpft man sich also bei der Abwesenheit von jeglichem Wetter, bei warmen 21 Grad, im Auf und Ab von 60 Höhenmetern je Runde, voran.

Sehr hilfreich ist dabei der Umstand, dass man nicht selbst die Runden zählen muss, sondern auf einem großen Bildschirm alles Notwendige angezeigt wird. Wie dem auch sei, man sollte den Kristallmarathon nicht auf die leichte Schulter nehmen und bei den Zielen bescheiden bleiben. Sehr viel später als gedacht, konnte ich meine Medaille in den Händen halten und ich versuchte endlich eine Bilanz der gefundenen Antworten ziehen. Gar nicht so einfach. Es wurde aber klar, dass der Bergmannsgruß „Glück auf“ ins Schwarze trifft. Das Fazit der Sache konnte man in den Gesichtern erst nach der erfolgreichen Auffahrt im Tageslicht ablesen.
Selbst an diesem neblig trüben Tag erschien alles über Tage plötzlich irgendwie farbenfroh und vor allem durch das echte Wetter, gefühlt unbeschwert. Kälte, leichter Wind und Nieselregen, wunderbar! So gesehen zeigt der Kristallmarathon, wie es sich am besten läuft, wenn wir als Läufer fragend wieder leichtfüßig werden wollen: echt tief(er)gehend.